kann ich Social Media? Nicht wirklich, ich will aber trotzdem mitmachen.

Corona kam, und ich hatte sehr sehr viel Zeit.

Das war großartig, in der Hinsicht dass zum ersten Mal ein meinem Leben ganz viel Freiraum zusammenfiel mit der Bereitschaft die Ideen die ich seit Ewigkeiten mit mir herumtrug tatsächlich öffentlich zu teilen.

Nach langer und viel viel kreuz-und-quer, und hin-und-her Überlegung und dem Herumtragen von internen Wünschen und Bedürfnissen Dinge zu teilen, konnte ich endlich tatsächlich beginnen, das Projekt acaenae in die Tat umzusetzen. 

Ich hatte ein Platform um meine Gedanken zu teilen, und tatsächlich hat sich recht schnell eine kleine Community von wunderbaren Menschen darum gebildet, die sich tatsächlich dafür interessiert haben, was ich zu sagen habe (hey, du. Ja; du. Du bist wirklich, wirklich wunderbar!).

Neben den ganzen positiven Empfindungen und Erfahrungen, ist mir ziemlich schnell ist mir bewusst geworden, was Social Media auch bedeuten kann. Nämlich, eine Flut von grenzenlosem Input auszuhalten, und den Druck ständigen Output zu bringen, und daneben ununterbrochene Interaktion aufrecht zu erhalten.

Kann ich das? Nein.

Trotzdem hab mir eingebildet, dass ich das kann, und ich habe es mir gewünscht. Habe mir gewünscht dass sobald die Uni wieder los geht, ich stressfrei und gut meine Unitätigkeiten bewältigen kann, und ich weiter auf Social Media aktiv sein kann. Habe mir einen Zettel geschrieben und vor mir an die Wand gehängt: „Bitte, konzentriere dich, auf das, was du tun willst. Atmen.“

Neben Essays, Tutorials, Liebe, Abgabestress, Glühwein, Freunden aka meinen geliebten Mitbewohnern, Tee kochen, stundenlangen Facebook und Whats-App Calls mit zur Zeit weit entfernten Freunden, Schlafen, Essen, Essen machen, Yoga machen wollen, Tee kochen, mmh – ich muss mal dringend wieder raus spazieren gehen, Uni fertig machen…Familienmitglied 1, 2, 3, …, Schlafen, Essen, zwischendurch zum Klavier huschen, ups – ich hab seit vier Tagen nicht geduscht, Schlafen, ups – ich hab das Teewasser vergessen (zum dritten Mal), auf dem nächsten Weg zum Teewasser wieder am Klavier hängen bleiben…* war ich nicht in der Lage, Zeit mehr meine Ideen und deren Teilen auf Social Media abschneiden.

Darüber habe ich einen Schreck bekommen, der sich in Zurückziehen, und Desreaktion geäußert hat.

Social Media ist leider nicht uneingeschränkt süß und zart und tröstend wie mit sich selber Klavier zu spielen. Über das Verständnis das sich eine Community bildet, mit Menschen, von denen man sich zumindest einbildet, dass sie irgendwelche Erwartungen haben, habe ich ein bisschen einen Schreck bekommen. Das Gefühl das ich jetzt gerade nicht präsent sein kann, heute leider wieder nicht…morgen gehts glaub auch nicht…ups, zwei Wochen sind vorbei…ups, ich weiß nicht mehr wo ich anknüpfen kann/soll.

Auf jeden Fall habe ich jetzt einen Namen dafür bekommen, das ich unter den normal geltenden Regeln nicht bei Social Media mitmachen kann. Eine Diagnose.

Es heißt ADS

Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom.

Ich habe es jetzt sozusagen auf Papier, dass ich es nicht kann.

Ich will aber trotzdem.

Wie das funktionieren kann weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass es auf jeden Fall irgendwas damit zu tun hat immer wieder nahe an die Erkenntnis und das Bewusstsein zurückzukehren, dass das was ich auf Social Media teile nicht das sein soll, was ich mir einbilde, was Menschen von mir erwarten, oder von dem ich (unbewusst) denke, dass es Menschen gerne sehen oder hören wollen (gesehen bei @aliabdaal). Dass ich immer wieder ganz nah an das zurück kehren muss, was mir am Herzen liegt, um den inneren Wunsch aufrecht zu erhalten Gedanken und Ideen zu teilen, um anschließend nicht (so sehr) aktiv Zeit dafür freischaufeln zu müssen, sondern unbefangen auf Social Media präsent sein zu können, und vor allem, mit den ganzen wunderbaren Menschen agieren zu können.

Eine wichtige Erkenntnis ist auf jeden Fall, dass es von mir keinen Steady Output geben wird, weil ich das nicht kann. Das hat mir von Anfang an Sorgen gemacht, weil ich mitbekommen habe, dass das womöglich die wichtigste Social Media Regel ist, aber jetzt weiß ich, dass die Alternative ist, eine Blockade zu bekommen, und über einen längeren Zeitraum gar nichts mehr teilen zu können, und komplett von der Bildschirmfläche zu verschwinden. Hiermit spreche ich mich, zunächst einmal davon frei, regelmäßig etwas posten zu müssen. Aber ich werde mich an Strategien versuchen, die mir helfen können, meine Ideen möglichst frei und möglichst regelmäßig zu teilen, genau so wie ich versuchen werde offen zu bleiben für neue Ideen, Tipps und Trick wie ich die Arbeitsabläufe in meinem Studium möglichst stressfrei zu gestalten (mit der Erkenntnis dass irgendwann further down the semester der absolute Kollaps kommen wird, aber dass jede bis dahin geschaffte Kollaps-freie Woche absolut großartig ist).

Also, ich wollte nur sagen,

Hey, ich bin da.

Und ich bin unglaublich dankbar dass du da bist. So wie ich mega dankbar bin für all die Begegnungen, die ich bis jetzt hatte, die eigentlich fast ausschließlich positiven Erfahrungen, die ich mit acaenae machen durfte habe.

An diesem Austausch will ich unbedingt weiter teil nehmen.

Aber die Regeln, die für Social Media gelten, (Steady Output, Steady Input Verarbeitung) kann ich nicht einhalten.

Und ich will trotzdem weiter mitmachen.

Deswegen,

bid dahin,

Lea xx

Hier noch ein Song, der nicht wirklich was mit dem Thema zu tun hat, den ich aber in diesem Zusammenhang nicht aus dem Kopf bekomme, und deswegen unbedingt hier unbedingt einbetten muss. Ich hoffe du hast so viel Spaß damit wie ich ❤

Lass mir einen Kommentar dar, wenn du das Bedürfnis hast irgendetwas mitzuteilen. Oder schreib mir auf Instagram (@acaenae) oder per Mail. Ich werde sicherlich nicht direkt antworten, aber ich werde die Nachricht ganz sicher lesen! xx

*Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich mein Leben richtig richtig liebe. Trotz meiner Unzulänglichkeiten. Gott sei Dank, wirklich.

in bubbles

Ich bewege mich in einer Blase gefüllt mit Feminismus, Nachhaltigkeit & Akzeptanz. Aber wohin führt das, wenn es eben nur eine Blase bleibt?

Mein Instagram Feed ist voll von schönen Sachen. 

Ich sehe schöne Körper von krassen Frauen, normalen Frauen, Frauen mit Bäuchen. Frauen mit Haaren wie ich. Bilder von Periodenblut & Texte über Tage. Wenig bekleidete Frauen, die deutlich machen, dass sie nicht nackt sind um von Männern sexualisiert zu werden. (Notiz an mich selber:  Ich muss nach Männern  Ausschau halten, denen ich folgen kann, um ein Bild davon zu bekommen, was bei denen eigentlich so abgeht.) Black Lives Matter Background Material, Weckrufe, Erinnerungen, Informationen, und Ideen. Musik & Kunst von Afropäerinnen. Ideen wie man den Alltag nachhaltiger gestalten kann. Geschlechterfluidität & freie sexuelle Identitäten. Menschen die Reisen & Natur.

Mein Instagram Feed ist offensichtlich ganz genau auf mich zugeschnitten. Weil ich die Profile auswähle, die mich inspirieren, um im Endeffekt das in meinem Feed zu sehen, was ich sehen will. Klar, das ist ja der Sinn von Instagram. Aber, was ich nie vergessen darf ist, dass dieser Feed eine Echokammer ist. Eine lebendige sicherlich, und eine dehnbare, in der mein eigenes Verständnis immer mehr erweitert, und vertieft wird. Aber eine Echokammer.

Ich muss in dem Zusammenhang immer wieder an ein Video von HYPERBOLE denken (Reihe: ‚Frag eine/einen…‘) in dem ein Mörder, der 19 Jahre im Gefängnis verbracht hat, auf die Frage wie er die Gesellschaft nach so langer Zeit wahrnimmt, erklärt: „Ich finde, die Gesellschaft ist sehr egoistisch geworden, und Ellenbogen-orientiert. Rücksichtnahme, Toleranz, habe ich teilweise (und das hört sich sehr komisch an) mehr im Gefängnis kennengelernt, als hier draußen.“   (Quelle: HYPERBOLE Frag einen Mörder https://www.youtube.com/watch?v=bHscSXzQt60)

Der Grund warum ich diesen Gedanken mit ‚Bubbles‘ in Verbindung bringe ist der, dass ich mich frage ob das vielleicht damit zusammenhängt dass sich die Menschen nach außen hin eher gegeneinander abgrenzen, während sie innerhalb ihrer Mikrokosmen aufgehen, ‚Solidarität‘ bekunden, sich gegenseitig unterstützen, Ideen und Mikromeinungen* austauschen während sie im öffentlichen Gesellschaftsleben (auf der Straße, mit den Nachbarn, über Arbeit/Schule/Kindergarten, etc.) dagegen nicht mehr so viel interagieren, einfach weil es für ihr Leben keine Bedeutung zu haben scheint. (Denn ich jedenfalls habe das Gefühl, dass in meiner Bubble die Menschen rücksichtsvoll und tolerant sind.)

Sicherlich gibt es immer Gesellschaftsentwicklungen, die begrenzt anfangen, und sich dann ausweiten, aber vor allem die Sozialen Medien des einundzwanzigsten Jahrhunderts erschaffen die Möglichkeit, dass ich zu großen Teilen raussuchen kann, mit was ich mich auseinandersetze, und dass ich diese Blase nähren kann, und dann wiederum davon ‚zehren‘, ohne mit anderen Blasen wirklich in Berührung kommen zu müssen. Was bedeutet es, wenn sich in der einen Bubble bestimmte Ansichten verfestigen und in der anderen ganz andere? Und wenn wir in Richtung einer Gesellschaft gehen, in der Menschen in Blasen vielmehr nebeneinander als miteinander leben?Und vor allem, wenn dem tatsächlich so ist, was bedeutet das für die Problematiken, die wir heute haben die, womöglich mehr denn je, alles andere als individuell oder lokal begrenzt sind? Gegen die wir nur gemeinsam angehen können. Wie (beispielsweise) der Klimawandel.

Wo werden in der Folge die Berührungspunkte sein? Wie sollen wir Menschen erreichen, die eine andere Ansicht haben als wir, wenn wir es nicht gewohnt sind, mit Andersdenkenden überhaupt einen Diskurs zu führen?

Was passiert, wenn sich die Bubble gefüllt mit dem Bemühen um Nachhaltigkeit, echter Toleranz gegenüber allen sexuellen Identitäten, allen Ethnien, Religionen und Nationen nach außen hin immer weiter verfestigt, so sehr, dass bestimmte Menschen nie mit den Inhalten dieser Blase in Berührung kommen? Also nicht wirklich. Nicht in echten menschlichen Gesprächen, durch Zuhören basierend auf dem Interesse nachzuempfinden, sondern beispielweise nur in einem Instagrampost, der von einer andesdenkenden Person in erster Linie angeschaut wird mit der Absicht, einen feindseligen Kommentar darunter zu hinterlassen. In dieser Hinsicht muss ich einmal festhalten, dass ich gewissermaßen dankbar bin, dass einige Menschen das, was sie denken, dann tatsächlich in die Kommentare schreiben, auch wenn meine Reaktion dann oft erst einmal irgendwo zwischen Unverständnis und Abscheu angesiedelt ist. Denn wenn nicht deutlich gemacht würde, dass diese Gedanken vorhanden sind, dann bräuchten wir auch die Posts und das Engagement dahinter die Inhalte & Ideen zu verbreiten nicht, oder?

Es ist sehr schwer abzusehen, in welche Richtung(en) sich die gesellschaftlichen Strukturen unserer immer globalisierteren, immer digitalisierteren Welt bewegen, in der ich womöglich über Kontinente hinweg entscheiden kann für was ich mich interessiere, und was vor meiner Haustür passiert, mehr oder weniger ausblenden kann. Ich glaube, eine der wichtigsten Dinge dabei ist womöglich, das Bewusstsein zu haben, beziehungsweise neu zu entwickeln, dass andere Menschen in anderen Blasen leben. Und vor allem nicht in deiner. Die Tasache, dass es andere Ansichten gibt, ertragen lernen. So gut es geht darum bemühen, dass die Empathie nicht komplett flöten geht. Denn wo kann man sonst ansetzen? Niemand der sich unverstanden, oder darüber hinaus komplett verachtet fühlt wird in echt zuhören, wenn jemand seine Standpunkte vertritt, ganz zu schweigen davon die Bereitschaft einzugehen, Ansichten zu bewegen. Ich denke, ich muss mich darum bemühen, Berührungspuntke die entstehen, durch echte Diskurse am Leben zu halten.

Dazu gehört womöglich, die Ideen und Informationen aus seinem Instagramfeed mit ins echte Leben zu nehmen. Im alltäglichen Leben aufmerksam & empathisch zu sein und Berührungspunkte die sich ergeben, mit ‚Freunden‘, Freunden von Freunden, oftmals mit der eigenen Familie, Arbeitskollegen und Kommilitonen, nicht abzuwinken, sondern zuzulassen. Nicht zu denken, ,Ich muss nur ein wenig warten bis ich Person X nicht mehr ‚ertragen‘ muss, um dann wieder in meine Blase zurückzukönnen wo ich reflektiert werde, wo ich gehört und verstanden werde…‘ Auch wenn es (ordentlich) zieht, oder drückt. Und natürlich, auch wenn dieser Text in eine etwas andere Richtung abziehlt, nie zu vergessen, die eigenen Standpunkte zu hinterfragen. Zumindest bis zu dem Punkt wo sie nicht zu hinterfragen sind. Über allem die echte Freiheit, Gleicheit & Würde eines j e d e n Menschen.

Ich glaube, dass man seine Meinung deutlich machen kann; deutlich machen kann wo die Toleranzgrenze erreicht ist, ohne die Empathie für das Gegenüber vollkommen verlieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein wichtiges (Lebens-) Prinzip ist: Menschen, die man trifft, auf Augenhöhe begegnen. Wenn du denkst, dass du besser bist, weil du deine Ansichten besser findest, dann ist das … problematisch. Natürlich ist das verdammt schwierig. Jedoch, sich immer und immer wieder der Situation auszusetzen, in anderen Worten Übung, hilft. 

‚Ich glaube, ich kann (irgendwie) verstehen, warum du das so sagst (‚aber‘ womöglich einfach weglassen, denn das triggert). Ich denke/habe die Erfahrung gemacht/habe erlebt…‘

Ich glaube wirklich, dass Ansichten auf der einen Seite nur bewegt werden können, wenn von der anderen Seite echtes Verständnis entgegengebracht wird. So kann man womöglich vor allem Menschen erreichen, die sich nicht in der gleichen Bubble bewegen wie du, aber für es bist jetzt womöglich nicht relevant war, sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Die wenigsten Menschen sind aktiv rassistisch, aber sie waren auch nie in der Lage verstehen zu müssen, dass und wie sie trotzdem Teil rassistischer Strukturen sind. Viele Frauen leiden unter Sexismus, aber sind nie dazu gekommen sich zu überlegen, dass man dagegen angehen könnte. Dumme Ar*chlöcher gibt es sicherlich immer, aber die muss man wohl einfach wirklich in ihrer Güllegrube lassen.

Auf das wir Löcher in unsere eigene Blase piksen, dass sie in Zukunft viellecht keine mehr ist, sondern vielleicht mehr zu einer Wolke wird, die die Möglichkeit hat, das Leben von noch viel mehr Menschen zu berühren. 

*Damit meine ich zum Beispiel, wenn man sich mehr oder weniger heftig darüber austauscht, wie sexistisch ein bestimmtes Verhalten ist (z.B. einer Person hinterherschauen, weil sie wenig anhat), welche Handlungen die Umwelt am meisten belasten, (verpacktes Bio-Gemüse versus Unverpacktes konventionelles) usw… 

Bist du schön? – Persönliche Auswertung einer spontanen Umfrage – Ergebnis: mehr #bodypositivity needed

oder

Warum es sich nicht lohnt, mit dem eigenen Körper unzufrieden zu sein.

schön ≠ perfekt

(Hinweis: Das Nachfolgende ist keine wissenschaftliche Analyse. In der Folge handelt es sich um eine subjektive Auswertung der gesammelten Daten, also worauf diese meiner persönlichen Ansicht nach hinweisen, und was diese bedeuten könnten. Die Ergebnisse der Umfrage in graphischer Darstellung findest du unter dem Post.)

Umfrage Auswertung 

Bist du schön?

Auf den ersten Blick sieht das Ergebnis der Umfrage ‚Mein Körper – Bist du schön?‘ recht positiv aus. Knapp 60% sehen sich persönlich auf der ‚schönen‘ Seite, und ‚nur‘ 14% bewerten sich selber als nicht attraktiv. 

Was denkst du, wenn du dich selbst im Spiegel anschaust? 

Ein Großteil der Menschen ist ganz zufrieden, und es gibt nur ein paar Sachen, die ihnen nicht gefallen, wenn sie sich selbst im Spiegel sehen. Das überrascht mich nicht, weil ich es persönlich gut nachvollziehen kann, und es auch nach meiner persönlichen Erfahrung den meisten anderen Menschen in meinem Umfeld so geht.

Wie reagierst du, wenn du dich selbst auf Bildern siehst? 

Wir, die wir alle Instagram User sind, wissen ganz genau, dass Bilder vorteilhafter und unvorteilhafter sein können.  Trotzdem sind diese Bilder alle ein nicht inakkurates Bild der Realität. Es stellt sich die Frage: Warum gefällt uns nicht, was wir darauf sehen? 

Wie oft denkst du über deinen Körper nach? 

Ziemlich eindeutig. Niemand denkt nie über seinen Körper nach. Wirklich niemand. Und die allermeisten Menschen denken super regelmäßig über ihren Körper nach. Knapp ein Drittel jeden Tag. Im Grunde genommen ist das vollkommen in Ordnung.  Doch wohin führt es, wenn diese häufigen Gedanken, von etwas negativem bestimmt sind? Wenn ich z.B. jeden Tag denke ‚Uh meine Oberschenkel…‘ …  

Wie sehr, nach deinem Gefühl, entspricht dein Körper dem aktuellen Schönheitsideal? 

Ich denke, dass 55 eine realistische Einschätzung ist und eine Wert, der die Wirklichkeit sehr gut wiederspiegelt. Denn so ist es. Wir sind keine wandelnden Schönheitsideale.  Aber: Das bedeutet nicht, dass wir nichts schön sind. Ich glaube, dass es elementar ist, dass wir ‚Ich bin schön‘ von der Idee trennen, dass wir diesem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, an das wir und gewöhnt haben. 

Wie mein Körper aussieht, spielt in meinem Alltag eine große Rolle.

Es spielt auf jeden Fall keine geringe Rolle (Erreichter Wert: 55). Noch ein Hinweis darauf, welche Bedeutung es hat, dass wir ein positives Verhältnis zu unserem Körper haben. 

In welchem Umfang/Umkreis wird mein Körper thematisiert?

Persönliche Körperbilder werden in absteigender Häufigkeit im direkten, im weiteren Sozialen Umfeld, und im Internet thematisiert. Von knapp einem Viertel wird der eigene Körper überhaupt nicht thematisiert. Da niemand nie über seinen Körper nachdenkt, bedeutet das wohl, dass sich diese Personen mit sich selber darüber auseinandersetzten. 

Welche Rolle spielt Social Media darin wie du dich selbst und deinen Körper wahrnimmst?

Der erreichte Wert 33 zeigt, dass Social Media in dieser Hinsicht relevant ist. Social Media scheint allerdings aber eine geringere Bedeutung als ich vermutet hätte. Relevant ist jedoch auch der geschlechtsspezifische Unterschied (siehe weiter unten). Es stellt sich im weiteren Verlauf die Frage, woher die Körperbilder kommen, an denen wir uns orientieren. Meine Vermutung ist, dass sie vor allem von Film und Fernsehen beeinflusst werden. Mehr dazu weiter unten.

Welche Auswirkungen hatte Social Media in letzter Zeit auf deinen Körper? (Positiv/ Negativ/ Neutral)

Für einen Großteil (49%) der Befragten hatte Social Media in letzter Zeit positive Auswirkungen auf das Verhältnis zu ihrem Körper. Dem schließe ich mich an. Natürlich ist dieses Ergebnis sehr variabel, je nachdem in welchem Umfeld diese Frage gestellt wird, können beispielsweise Instagram Feeds super unterschiedlich aussehen, und ganz unterschiedliche Effekte auf den jeweiligen User haben.

Geschlechtsspezifische Auffälligkeiten

Nur 19% der männlichen Teilnehmer empfinden sich selber als schön. Das deutet darauf hin, dass Schönheit in sich ein Konzept ist, das insbesondere für Frauen ‚gilt‘.

42% der befragten Frauen denken jeden Tag über ihren Körper, bei den männlichen Teilnehmern sind es nur 12%. 

Die Rolle, die der eigene Körper im Alltag spielt, klafft zwischen männlich und weiblich nicht weit auseinander. 54,6 (weiblich) zu 51,28 (männlich).

Der eigene Körper, sowie der von anderen Menschen wird nach Aussage der männlichen Befragten so gut wie nie im Internet thematisiert, dafür umso häufiger im direkten Sozialen Umfeld.

Der Wert ‚Welche Rolle spielt Social Media darin, wie du dich selbst und deinen Körper wahrnimmst?‘ liegt bei Frauen bei 40,2 Männer hingegen lediglich 22,2. 

Was bedeutet das? 

Ich finde, dieses Ergebnis ist eines, das uns zeigt, dass kollektiv ein anderes Verhältnis zu unseren Körpern notwendig ist, wenn wir unser allgemeines Wohlbefinden verbessern möchten. Diese Selbstliebe und diese Wohlbefinden wiederum sind die Grundlagen dafür, dass wir mit uns sowie mit anderen Menschen (und mit unserer Umwelt) respektvoll, ehrfürchtig und affirmativ umgehen.  Und die tatsächliche Zufriedenheit mit uns selber ist nicht besonders ausgeprägt, auf jeden Fall nicht, wenn sie ‚auf die Probe gestellt wird‘, was beispielsweise dann passiert, wenn wir uns selbst im Spiegel, und in noch ‚härteren‘ Fällen auf Bildern, die von anderen Menschen gemacht wurden, sehen.  Auch wenn ein Großteil der Menschen im Großen und Ganzen mit ihrem Körper zufrieden sind, so fokussieren wir und doch im Alltag, wenn wir in den Spiegel schauen, oder uns auf Bildern sehen, auf die Dinge die uns nicht gefallen.  Wenn ich z.B. jeden Tag denke ‚Uh meine Oberschenkel sind einfach zu breit und zu wabbelig…‘, oder ‚…meine Nase ist einfach zu groß…‘ und ‚wie zur Hölle sehen eigentlich meine Haare aus…?‘, und sich das so immer und immer wiederholt, dann ist unser eigener Körper primär der Ausgangspunkt für negative Gedanken über uns selbst.  Und was bedeutet das im Alltag: Ganz einfach, wir sind unzufrieden. Unwohlbefinden. Ganz abgesehen, von den 14% zu viel, die sich ansehen, und sich selber sagen ‚Ich bin nicht schön‘.

Ein Gedankenexperiment oder die Spirale der Unzufriedenheit

Denn, geh Kopf noch einmal durch, was passiert, wenn du unzufrieden mit deinem Körper bist. Angenommen, du siehst dich selbst auf einem Bild, von der Seite. Du findest, dass dein Po viel zu flach aussieht. Die allerwahrscheinlichste Folge davon, dass du dich selbst auf einem Foto siehst, und das Gesicht verziehst (wenn auch nur innerlich) ist, dass du dich schlecht fühlst. Dass du unzufrieden bist, mit dem was du bist.

Dann gibt es noch einen geringen Prozentsatz von Menschen (gefühlter Wert abgeleitet von Erfahrungen aus meinem eigenen Umfeld), die als Reaktion darauf dass sie unzufrieden mit ihrem eigenen Körper sind, anfangen werden super regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen, oder gezielte Homeworkouts zu machen, in der Hoffnung, dass der Po dadurch nach einer Weile kräftiger aussieht. 

Diejenigen wiederum, die dann noch nachhaltig und gezielt Übungen machen, um die Form ihres Pos auf Dauer zu verändern zu verändern, sind auf jeden Fall noch weniger. Und im Falle der geringen Wahrscheinlichkeit, dass du zu diesem Anteil gehörst, dann ist die Wahrscheinlichkeit wiederum ziemlich hoch, dass du nach einigen Jahren oder Monaten im Fitnessstudio ernüchtert diese andere Person ansiehst, die eine viel rundere Poform hat als du, eine die du aus genetischen Gründen niemals erreichen wirst. Die Folge? Unzufriedenheit. 

(Wenn du eine andere Erfahrung gemacht hast, dann freue ich mich sehr, wenn du dich meldest.)

Was ist, womöglich, der Hintergrund?

Genauso, wie sich Schönheitsideale mit der Zeit ändern, bin ich mir sicher, dass sich auch unsere Einstellung im Bezug darauf, was Schönheit bedeutet, ändern kann. 

Ich vermute, dass unser eigenes Empfinden davon was wir selber als schön empfinden, von Jahrzehnten Fernsehsendungen, Filmen und Werbebildern geprägt ist. Zumindest, seit wir uns zurückerinnern können, sehen wir die gleichen Körpertypen- und -figuren in Film und Fernsehen.

Dazu kommt, dass gesellschaftlich Schönsein bei Frauen eine enorme Bedeutung im Bezug auf ihren Wert als Person beigemessen wird. Eine (nach dem Idealbild) schöne Frau ist erfolgreich, leistungsstark.

Das paradoxe daran ist, dass unsere Welt patriarchalisch strukturiert ist, und dass das für Frauen geltende Schönheitsideal im Grunde vom männlichen Idealbild einer Frau abgeleitet und wiederum auf uns zurückprojiziert wird. Und im Endeffekt kommt es uns so vor, als wäre das unser eigenes Schönheitsideal.

Body Positivity & Body Neutrality

Für mich hat sich eine positive Haltung gegenüber meinem Körper in letzter Zeit bewährt. Ich habe erfahren, dass Selbstliebe, wovon die Akzeptanz & Liebe zu unserem eigenen Körper ein essentieller Bestandteil ist, der Ausgangspunkt für Allgemeines Wohlbefinden ist, und darüber hinaus der nachhaltigste Weg um intuitiv die Entscheidungen zu treffen, die für unseren Körper am Besten sind.

Ich habe aber auch Meinungen von Menschen entgegengenommen, die sich gegen diese Idee schön sein zu müssen aussprechen, und sich überhaupt so viel damit auseinanderzusetzen, anstatt diese Energie für andere, wichtigere Dinge zu investieren.

Auf Instagram bin ich auf die Idee #bodyneutrality gestoßen, ein Konzept dass von Selbsthass und Negativen Gedanken über den eigenen Körper wegführen soll, ohne den ‚Druck‘ aufzubauen, sich selber schön zu finden, und vor allem ohne den Druck, nach außen hin immer zu repräsentieren, dass man sich selber total schön findet, auch wenn das, vor allem in bestimmten Momenten, vielleicht gar nicht so ist. Man respektiert seinen Körper so wie er ist, aber bemüht sich weder ihn super schön zu finden, noch investiert man Energie in negative Gedanken Auf der Grundlage der Idee was ein Körper ist, und wofür er da ist, anstatt wie er aussieht, versucht man den Körper zu respektieren und vor allem dankbar zu sein. (Quelle instagram: @bebadass.in). Jeder kann und muss selbst entscheiden, ob er sich schön finden will, oder ob er ein neutrales Verhältnis zu seinem Körper eingehen möchte.

Aber einst ist sicher: Bodyshaming und negative Gedanken, die jeden Tag, oder alle paar Tage aufs Neue wiederbelebt werden, sind einfach nur schädlich für das allgemeine Wohlbefinden. Das braucht wirklich niemand.

Die Rolle von Social Media

Die in Film&Fernsehen gezeigten Figuren haben in sich ein enormes ‚Vorbildpotential‘. Und wenn wir überlegen, dann wird uns bewusst, dass wir, seit wir denken können, diesen ‚Vorbildern‘ ein bestimmtes Körperbild zuordnen. Dass die Realität vollkommen anders aussieht, ist dabei ziemlich egal. Die Körper von Mama, Papa, Onkel, Tanten, Freunden, Menschen auf der Straße haben, obwohl sie viel näher an der Realität sind, eine viel geringere Relevanz für unser, scheinbar eigenes, Körperidealbild. 

Weil Instagram und andere Social Media Seiten auf ‚Inspiration‘ ausgelegt sind, und diese ‚glorifiezierenden‘ Charachter, und aussserdem eine extrem schnelle Rückmeldung darüber was gewünscht, und akzeptirt ist, haben diese Seiten, meiner Meinung nach, ein extremes Potetial für ‚Rückgewöhnung‘. Ich denke, genau wie unsere Gewöhnung an eine bestimmten Körpertyp, und ein bestimmtes Aussehen, ist das ein enormer Schritt in eine ‚Entwöhnung‘ von diesem Idealbild.

Diese Gewöhnung ist essentiell für Akzeptanz, und das Verständnis, dass das wirklich auch anderen, insbesondere der eigenen Referenzgruppe so gesehen wird, man ist nicht alleine die- oder derjenige, die/der diesen bestimmten Schönheitsidealen entgegensteht. Darin sehe ich das Potential von Social Media im Bezug darauf, wie wir uns selber, und unseren Körper wahrnehmen.  

Was mir geholfen hat.

Auf Instagram Seiten abonieren, die #bodypositivity und sich so wie sie sind zelebrieren, und echte Bilder von sich online stellen und feiern. 

Vor ein paar Tagen habe ich den Brief an mich selber geschrieben. Das hat sich sehr gut, und befreiend angefühlt. 

Was ich manchmal zwischendurch mache.

In random Momenten am Tag, schaut an dir herunter (jetzt mal in einem positiven Sinn), fass dich an (ja, genau), atme, und bedanke dich bei deinem Körper für das was er ist. Schenk ihm und dir selbst ein lächeln. 

Was ich noch machen möchte.

Die Gespräche, die ich mit meinen Mitmenschen führe, in diese Richtung erweitern.

Noch etwas

Das Verhältnis zu seinem eigenen Körper zu ändern ist in keinem Fall eine Gerade mit positiver Steigung, sondern vielmehr ein Prozess bestehend aus unterschiedlich ausgeprägten Einheiten.

Wenn du es schafft, einen Punkt zu erreichen, an dem du an dir herunterschaust, und dich freust, und zufrieden bist, bist du natürlich nicht davor gefeit, am nächsten Tag in negativen Gedanken zu versinken. Das ist aber überhaupt nicht schlimm.

Ich bin überzeugt, dass es essentiell ist, deswegen nicht wieder komplett in die andere Richtung zu rudern, sondern Affirmationen gegenüber sich selber wiederholen zu praktizieren, um nachhaltig ein positives Verhältnis zu seinem Körper aufzubauen.  

 

 

Die Ergebnisse der Umfrage in graphischer Darstellung.

Brief an meinen Körper

bzw. das, was man davon sieht. 

Wir hatten die Nacht am See verbracht. Ich war gerade aus dem Wasser gestiegen. Lief ein wenig barfuß auf warmer Erde und spärlichem, trockenen Gras umher. Lies mein Handtuch um mich flattern. Ich fühlte mich großartig. Weil ich mich selber, mein wohliges Gefühl, und den Moment einfangen wollte, fragte ich einen Freund, der ein paar Meter entfernt von mir saß, ob er ein paar Bilder von mir machen könne.  Als er mir ein paar Tage später die Bilder zuschickte, und ich sie erwartungsvoll öffnete, in der Hoffnung einen starken, schönen Körper zu sehen, so wie ich mich in dem Moment in Erinnerungen hatte, war ich ernüchtert. 

Die Erwartungen die ich diesem Moment an meinen eigenen Körper wurden nicht erfüllt. Die Form meiner Hüften, meiner Oberschenkel. Subtiles Schaudern. Ernüchterung. 

Mir fiel auf, dass das eigentlich meistens so ist, wenn ich Bilder von mir im Nachhinein erblicke, und eigentlich auch schon immer gewesen ist. Im Zuge der Überlegung dass ich im Laufe meines bisherigen Lebens nie vollkommen zufrieden mit meinem Körper war, bin ich auf die Idee gekommen, mich in einem Brief mit meinem Körper auseinanderzusetzen, um einmal festzustellen was ich eigentlich genau für eine Verhältnis zu ihm habe. Und warum.

Mein Körper.

Du bist groß. Und kräftig. Damit meine ich erstmal ganz wörtlich, dass du groß und kräftig aussiehst. Und auch, dass es an dir nichts gibt, was zierlich aussieht. 

Besonders deine Beine sind kräftig. Und das war schon immer ein ziemlich großes Problem für mich. Ich empfand meine Beine immer irgendwie als … stampfig?  

An der Stelle, wo deine Unterschenkel in deine Oberschenkel übergehen, ist keine so richtige ‚Einkerbung‘, die Frauenbeine sportlich und grazil aussehen lässt. Von den Füßen bis zur Hüfte gehen deine Beine irgendwie einfach ’nach oben‘, wie zwei lange, in dem Fall schmale, Dreiecke.  Ich wollte gerade weiter ausführen, dass das nicht weiblich ist, aber wie schon vorher mal ist mir dann aufgefallen, dass das nicht stimmt. Ich finde, dass diese ‚stämmige‘ Beinform sehr weiblich ist, denn ich sehe sie an vielen Frauen. Meine Beine. Wäre ich zu einer Zeit zwischen, sagen wir, 1500 und 1700 geboren, ja, dann hätten diese deine Beine womöglich ganz genau dem weiblichen Schönheitsideal entsprochen. Wären äußerst schön gewesen. Bin ich aber nicht. Also zur Barockzeit geboren.

Auf diesem Bild erkenne ich meine eigenen Beine wieder:

Die Venus mit dem Orgelspieler
Tizian, ca. 1549

Und trotzdem. Deine Beine sind weiblich, kräftig und schön. Und wenn ich langsam und tief einatme, und danach wieder aus, und abspüre was das bedeutet, dann wird das Wirklichkeit. Wirklich. So dass ich es nicht lediglich aufschreibe, sondern an mir heruntersehe, und das finde. 


Badende Frau
Rembrandt, 1654

Deine Hüften. Ich bin mir nie sicher gewesen, welchen Teil des Körpers das Wort Hüften eigentlich beschreibt. Falls es um den Teil geht, der unter deinem Brauch anfängt, dann finde ich deine Hüften vollkommen in Ordnung. Aber deine Oberschenkel. G*tt, fand ich diese Oberschenkel immer kacke. Breit und unförmig, von vorne, von hinten, von der Seite. Und diese breiter werdende Stelle die man, glaube ich, umgangssprachlich als ‚Reiterhosen‘ bezeichnet. ‚Reiterhosen‘. Hab ich. Und im Zuge der ‚Atemübungen‘ die ich mache, um die Schönheit meiner Beine zu verinnerlichen, finde ich diese Reiterhosen ziemlich sexy.  

Ich habe so oft in meinem Umfeld von männlichen Personen gehört, wie viel wert ein großer, knackiger Po ist. Auch wenn das nie am mich gerichtet war, fühlte sich das immer ziemlich kacke an, denn auf deinen trifft das nicht zu, Flach ist nicht ganz genau der richtige Ausdruck für deinen Po, aber ich fand seine Wölbung nie genug, auch nicht wie er sich hinten an den Oberschenkeln abhebt. Ein viel zu subtiler Übergang. Links hebt sich die Pobacke auf jeden Fall ein gutes Stück markanter ab, als auf der rechten Seite. Deswegen stehe ich immer gerne mit der linken Seite zum Spiegel, wann immer ich dich darin ansehe. Und wenn ich eine verstärkte Wölbung sehe, weil ich eine Weile intensiv einen Sport ausgeübt oder einen Übung gemacht habe, die das begünstigt, dann freue ich mich sehr. Werde ich auch weiterhin. Aber diese tendenziell flache Poform gehört zu deinen weiblichen, barocken Beinen genauso dazu wie der fehlende markante Beinübergang. Was sie zu den Beinen macht die meine sind. Meine schönen barocken Frauenbeine.

Deine Füße sind interessant. Du hast große lange Füße, an denen immer recht dicke baue Adern hervortreten, mit einem endslangen großen Zeh. Als ich jünger war habe ich noch arrogant (so arrogant wie man als Elfjährige sein kann) zu anderen Menschen gesagt ‚Ich hab die ägyptische Fußform. Die beste natürlich‘ (weil, wie Kleopatra und so weiter … ). In der Folge, insbesondere in meiner Zeit als Jugendliche, hat dieser große lange Zeh mir viel Unmut bereitet. Beim Schuhe kaufen, und Schuhe sind sehr wichtig für Teenager, hast du mir dann vor allem Unmut bereitet. Jetzt sind Schuhe nicht mehr so wichtig für mich. Darüber hinaus sind Füße in unserem Kulturkreis ja nicht so wichtig; aber ich schaue sie trotzdem gerne an, vor allem wenn ich Yoga-Übungen mache bei denen man sich vorbeugt, oder die Happy Baby Position, bei der ich besonders gerne deinen riesigen großen Zeh festhalte. Deine großen langen Füße mit dem langen Zeh bedeuten für mich Standfestigkeit und Ruhe, und mutiges Voranschreiten, Wanderungen über den Planeten, und das der Weg zu neuen Lebenserfahrungen geebnet wird.*

Dein Bauch ist wundervoll. Wirklich. Deine Taille auch. Auf diese Taille war ich stolz, und sie ließ mich gut fühlen, weil sie, zumindest wenn mein Bauch nicht aufgebläht war, weniger als 70 Zentimeter im Umfang maß. Offiziell Modelmaße. Schon immer tendiertest du dazu mit dem geringsten Trainingsaufwand recht markante Bauchmuskeln auszubilden, so dass eine Linie etwa 10 cm rechts, und eine Linie 10 cm links vom Bauchnabel zu sehen ist. Obwohl dein Bauch auch oft so dermaßen aufgebläht ist, wegen allem was unten drunter abgeht. Aber ich konnte das immer witzelnd abtun, in der Gewissheit, dass er eigentlich flach ist, und das früher oder später auch wieder werden würde.  Aber wenn du jetzt (in den Sommermonaten des Jahres 2020) sitzt, zum Beispiel im Schneidersitz auf dem Boden, wölbt sich dein Bauch unten zusammen. Das ernüchtert mich. Ich denke dann vor ein paar Monaten war das noch nicht so. Ich finde das schade, und hoffe, dass da in Zukunft wieder weniger Fett sein wird. In der Folge fällt es mir leichter, nicht zu dem Topf auf dem Regal mit den getrockneten Gummibärchen in der Zimmerecke gegenüber rüberzugehen. 

Deine Schultern sind auf elegante Weise breit, deine Schlüsselbeine treten auffällig dazwischen hervor.

Sowieso ist dein gesamter Oberkörper, ‚hoch gewachsen‘, schlank und grazil. Eigentlich das Gegenteil von deinen Beinen. Aber er ist trotzdem stark. Du hast wunderschöne, starke, Arme, an denen auch immer mal wieder Bizeps und Triebs zum Vorschein kommen, und tolle Hände. Sehr neutrale, starke Hände. Ich wünschte mir zwar immer du hättest gewölbtere Nägel, die vorne spitzer zulaufen auf denen Nagellack einfach geil aussieht. Aber deine Nägel sind vollkommen in Ordnung, wirklich.

Deine Brüste sind weder groß, noch straff, noch rund. Aber sie sind mir sehr vertraut. Sie bedeuten für mich weibliche Stärke, und Reife und Selbstvertrauen. Und sie sind Frauenbrüste und die sind so gut wie immer in sich schön.

Früher habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, aber jetzt finde ich, dass dein Venushügel sehr schön ist, durch seine harmonische, ausgeglichene Rundung.

An vielen Stellen hast du kräftige dunkle Haare. Zum Beispiel unterm Bauchnabel. Dort entstehen richtige kräftige Löckchen. Auf dem Kopf sind die Haare dafür nicht so kräftig, aber dafür umso lockiger. An deine Haare könnte ich einen in ein Dutzend Kapitel unterteilten Brief schreiben. Lange hat es gedauert, bis ich deine Haare überhaupt irgendwie akzeptieren konnte. Ein ganzes Kinder- und Teenagerleben. Lange war mein größter ‚physischer‘ Wunsch eines Morgens aufzuwachen, mit Haaren, die an meinem Kopf herunterfallen. Und nicht davon abstehen.

Was für ein herrlicher Körper du bist. Ein großer, starker, herrlich weiblicher Körper. Im Zuge dessen dass ich vor ein paar Tagen angefangen habe, diesen Brief zu verfassen hat sich mein Bewusstsein zu dir verändert. Ich sitze auf dem Schreibtischstuhl und bin mir bewusst dass du da bist. Sitze auf dem Bett. Gehe das Treppenhaus hoch. Fahre auf meinem Klappfahrrad durch die Stadt. Liege im Gras. Bin mir bewusst du da bist, und bin dafür sehr dankbar.

Fühle mich groß, stark, herrlich und weiblich. Das bedeutet nicht, dass nicht wieder Zeiten kommen werden, in denen ich mich verletzlich fühle, aber ich wünsche mir dass dieses Gefühl, das ich mich wohl in diesem, meinem Körper fühle deswegen nicht verschwindet. Ich werde versuchen das in meiner Erinnerung und in meinem Bewusstsein (und damit auch in einem Unterbewusstsein) zu behalten.

Ich fühle mich großartig. Und ich bin dankbar, weil ich hier auf dieser Welt in und mit dir sein darf.

Du bist wunderschön.

Du hast alle Liebe und Fürsorge verdient. Jeder heiße und jede eiskalte Dusche, jedes voll ausgeführte Asana, jeden Schwimm- und jeden umgekehrten Klimmzug. Jedes Tröpfchen hochwertiges Fett und jedes Portiönchen Vitamin D. Jede Minute Schlaf und jede Sekunde echte Ruhe. Mit Liebe für das geehrt zu werden was du bist.

Mein Körper.

Beziehungsweise das, was man davon sieht.

Danke.

*Ganz schön viel Text, nur für Füße, oder? 😉

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hellbraune haut

oder die uncoole narrative von alltäglichem rassismus

Langsam reichts auch mal wieder mit der Rassismus Diskussion, oder? Und in Deutschland gibt es sowieso nicht so richtigen Rassismus. In Amerika, ja, da ist es wirklich schlimm. Aber hier? Und sowieso, durch dieses ständige Draufrumtreten wird es halt auch nicht besser, oder?  

Und abgesehen davon bin ich sowieso kein schlechter Mensch, und auf jeden Fall nicht rassistisch.

I am a person of colour.

Nachdem George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis, Minnesota ermordet wurde, ist Rassismus in der westlichen Welt zum Trendthema geworden. Das bedeutet nicht, dass Menschen das Thema Rassismus durchstiegen haben. Oder dass sie bereit sind sich wirklich damit, oder mit ihrer Rolle darin auseinanderzusetzen. Das sehe ich (neben anderen Dingen) daran, dass es im Alltag unangenehm und uncool war, ist und bleibt, und es unangenehme Situationen erzeugt, auf rassistisches Verhalten (oftmals in Sprache und Sprechweise verhaftet) hinzuweisen.

Dabei handelt es sich um Situationen bei denen man Menschen mal so begegnet und mit ihnen kürzer oder länger ins Gespräch kommt aber öfter noch um Situationen in denen man mit Freunden, oder Freunden von Freunden zusammensitzt, Menschen die man mehr oder weniger gut kennt und die man schätzt, weil man ihre Anwesenheit genießt und weil sie sind wer sie sind. Menschen mit denen man gerne zusammen ist.

Trotzdem. Jemand macht einen Kommentar. Lachen. (Da war son Typ mit sonnen perfekten Afro, son. Tingletangel Bob…)

Ich wusste nie zu reagieren. Sowieso kam die Reaktion immer zeitversetzt.

In der Situation selber erfährt man ein schamvolles kribbeln und ein Ziehen im Buch (Grausam, oder?). Du bekommst ein flaues Gefühl im Magen, aber ansonsten bleibt der Kopf ziemlich leer. Erst Stunden später fällt dir ein, was du hättest sagen sollen.

Was sich in mir regte kompensierte ich im weiteren Verlauf, oft ein paar Stunden oder Tage später, mit inneren Monologen in denen ich das Verhalten der Personen rechtfertigte. Was die Gründe dafür sind, dass die Person sich eben genau so verhalten hat. Und dass das nicht so schlimm ist, weil ich ja eben ganz genau weiß, dass sie keine schlechter Mensch ist. Dass die Strukturen, die dazu führen dass Menschen mit dunkler Hautfarbe so behandelt werden wie sei behandelt werden, und dass so über sie und mit ihnen gesprochen wird wie es wird, außerhalb des Einflussbereiches der besagten Leute in meinem Umfeld liegen. Dass Menschen die mir begegnen folglich nichts für (ihren) Rassismus und genauso wenig etwas dagegen tun können.

Ist schon ok sagte ich mir. Weiter geht’s. Die Welt wird schon besser werden mit der Zeit, außerdem betrifft es dich nicht. Wirklich. Du bist in eine deutsche, intellektuelle Familie hineingewachsen. Das einzige was dich unterscheidet ist deine karamellfarbene Haut. 

Das einzige was dich unterscheidet ist deine hellbraune Haut. 

Was mich von anderen Deutschen unterscheidet ist meine hellbraune Haut. Und das unterschiedet mich komplett.

Wer bin ich? Und wieviel hat meine Hautfarbe damit zu tun?

In den letzten Wochen ist einiges passiert. Offener Protest, auch hier in Deutschland. Zeitungsartikel. Viel gelikte und geteilte YouTube Videos, Instagramposts.

Etwas hat sich verändert. Das unangenehmes Gefühl im Magen, das vorher zu tauber Frustration wurde, die oberflächlich verfliegt, aber unterschwellig Fragen aufwirft, hat sich in grenzenlose Trauer und enorme Wut verwandelt.

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt in der Lage bin in den alltäglichen Situationen in denen ich dem begegne, rassistisches Verhalten dort herauszustellen wo es eintritt, und in der entsprechenden Situation sicher und gekonnt darüber aufzuklären und zu erklären. Jemand macht einer Bemerkung. Ich werde wütend, traurig und fassungslos. Ich mache den Mund auf. Und im nächsten Moment bereue ich es. Wieder drücken im Magen. ‚Oh man, warum hab ich das jetzt gesagt das war irgendwie unnötig.‘ (Um etwas vorwegzunehmen: Nein war es nicht.) Verschiedene Dinge gehen dir durch den Kopf: ‚Nee, das is jetzt übertrieben…‘  außerdem ‚Wie hat er/sie das jetzt wirklich gemeint?‘ ‚Soll ich jetzt deswegen wirklich was sagen?‘ ‚Ja ok, Ich glaube so schlimm ist es nicht.‘

Jetzt hat sich verändert. Das bedeutet nicht, dass es cool ist oder eine angenehme Situation erzeugt, wenn man rassistisches Verhalten oder rassistische Aussagen in alltäglichen, sozialen Situation aufmerksam macht. Dass es leicht fällt etwas zu sagen. Oder dass die Menschen zuhören.

Besonders in Momenten in denen jemand auf die Bedeutung seiner womöglich ‚lustig‘ gemeinten Bemerkung aufmerksam gemacht wird, wird der soziale Flow komplett gestört. Und das ist ziemlich uncool. Was folgt sind genervte Blicke, Seufzen, Unmut, Unverständnis.

Ich habe zwei unterschiedliche Reaktionen beobachtet, die Menschen häufig zeigen. 

Eine Reaktion die dann oft kommt: Abwehr gepaart mit Relativierung: ‚Ja, aber…‘ (‚Er sieht halt so aus wie Tingeltangel Bob‘ – Anmerkung: Nein, jemand mit einem ‚perfekten‘ Afro sieht nicht aus wie der skurril befremdliche Simpsons Charakter Tingeltangel Bob und es gibt daher keinen Grund jemanden dann mit der Figur gleichzusetzen, außer um über eine ironische Schiene einen abwertenden Vergleich herzustellen). Die Menschen die so reagieren sind oft eingeschnappt. Beleidigt. Fühlen sich persönlich angegriffen. Ich bin ein guter, aufmerksamer Mensch. Wie könnte ich rassistisch sein?! Bei mir gibt es keinen Rassismus. Diese Aussagen werden dann unterstützt von Einwänden von Leuten, die die Verhaltensweise teilen. (‚Ja aber, du kannst doch nicht erwarten dass … er die Unterschiede zwischen verschiedenen afrikanischen Haartypen kennt..?!‘)

Was auch oft passiert. Menschen ziehen sich aus der Konversation komplett zurück. ‚Oh ne jetzt fangen die auch hier mit dem Thea an. Kein Bock. Geht mich nichts an. Und es interessiert mich auch nicht.‘ Für sie gibt es keinen Grund sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, es nervt einfach nur, ist mit negativen Emotionen und Auseinandersetzungen verknüpft und dafür dass es mit ihnen und ihrem Leben so wenig zu tun hat, lohnt es nicht wirklich sich diesen negativen Stimmungen auszusetzen.

Ihr fragt euch womöglich warum zur Hölle mit ‚solchen Leuten‘ zusammensitze, Zeit verbringe. Allermeistes, mag ich die Leute mit denen ich zusammen bin. Oft sind sie mir recht ähnlich darin dass sie weltoffen und auch ‚bereist‘ sind und für ihre relativ jungen Lebensalter vergleichsweise bereits relativ differenzierte Lebenserfahrungen sammeln konnten. Und trotzdem. Ich würde sagen, Wenn du ein Mensch bist, bist du in der Regel von Rassismus berührt oder betroffen. Und ja, Rassismus ist kein großes Thema in Deutschland, weil es nie zu einem Thema gemacht wurde. Woher sollen die Menschen das Verständnis haben, was Rassismus wirklich bedeutet?

Was bedeutet meine Hautfarbe für mich, und vor allem was bedeutet sie für andere Menschen? Denn wiederum, welche Auswirkungen hat das auf mein Leben?

So oder so. Im Nachhinein ärgere ich mich wieder. Ich hab zwar etwas gesagt, aber so wie ich es gesagt habe ist anscheinend nicht besonders viel durchgekommen. Das jemand reagiert indem er nichts entgegnet, und trotzdem ruhig und aufmerksam zuhört was ich zu sagen habe ich, wenn ich mich nicht falsch erinnere, bis jetzt nicht gehört.

Doch erst jetzt ist mir bewusst geworden: die Bedingungen um auf Verhalten aufmerksam zu machen das Menschen mit dunkler Hautfarbe, (und dazu gehört ein bestimmter Haartyp, und der afrikanische Haartyp ist wahnsinnig belegt) nachhaltig abwertet, und solches zu kritisieren, sind weiterhin nicht gegeben. Relativieren, abblocken, oder einfach nicht zuhören. Ziemlich natürliche Reaktionen, aber absolut im Weg auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich viel wert sind, für jeden, und in der Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe nicht durchgehend und andauernd stereotypiert werden.  

Und jetzt. Was erhoffe ich mir dadurch, dass ich diesen Text schreibe? Mich auf diesem Weg mit dem Thema auseinandersetze?

Ich glaube, dass die wieder- und wieder- und wiederberarbeitung des Themas es wahrscheinlicher macht, dass Jemand beim nächsten Mal aufmerksam zuhört. Und zuhören ist die Grundlage für Verstehen. Verstehen wiederum für Handeln. Bis jetzt musste ich mich erst aufregen, so dass die Person mir meine Emotionen und mein Leid in der Stimme anhören oder im Gesicht ansehen kann, damit sie aufmerksam zuhört.

Wenn du eine schwarze Person bist, oder eine Person of Colour dann hoffe ich dass du dich in der nächsten Situation, die kommen wird, dich nicht schlecht fühlst weil du nicht ‚richtig‘ reagiert hast. Die Bedingungen bleiben schwer. Weil du leider nicht erwarten kannst, dass dir aufmerksam und offen, mit dem Willen zu verstehen und bestehende Vorstellungen zu verändern zugehört wird. Aber vielleicht hilft genau das dennoch zu sprechen. Denn etwas wird durchkommen wenn du auf rassistisches Verhalten im Alltag aufmerksam machst, und langsam wird sich etwas verändern. Daran glaube ich ziemlich fest.

Wenn du eine weiße Person bist, dann hoffe ich, dass beim nächsten Mal dein erster Impuls ist aufmerksam zuzuhören. Und den Wunsch zu haben, eine Situation zu kreieren in der das Gesagte besser aufgenommen werden kann. Bevor oder wenn irgendjemand ‚Ja, aber…‘ antwortet oder sich vollkommen aus der Konversation zurückziehen. Es ist im Moment so wie es ist, dass eine weiße Person meistens nicht zu reagieren weiß, und die erste Reaktion oft aus Selbstschutz und Selbstrechtfertigung besteht. Zuhören um zu Verstehen mit der Perspektive das eigene Verhalten zu hinterfragen und nachhaltig positiv zu verändern bedeutet alles.

Vor allem hoffe ich mein eigenes Unterbewusstsein weiterzubringen. Um meine eigene Rolle besser einnehmen zu können und beim nächsten Mal in der Lage zu sein, zu sprechen.

Until the color of a man’s skin
Is of no more significance than the color of his eyes

 [ … ] 

Bob Marley

Es ist immer nur so wie es ist. Wie kann ich mein eigenes Verhalten nachhaltig beeinflussen um in Zukunft besser reagieren zu können?

Noch etwas. Ich bin kein Rassismus Experte. Ich bin einfach eine 22 Jährige Deutsche mit deutscher Mutter und gambischem Vater.

Zurzeit gibt es glücklicherweise auf Spotify Exit Racism, von Tupoka Ogette und Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten von Alice Hasters anzuhören. Wenn du dir diese Hörbücher anhörst und anschließend nicht ein besseres Verständnis über Rassismus in Deutschland hast, dann weiß ich auch nicht.

Nachtrag: Ich habe viel zu viel überlegt, wie genau ich diesen Text schreibe, und ob ich ihn überhaupt veröffentlichen soll. Bei diesem Blog soll es vor allem darum gehen, Gedanken vom Kopf möglichst ungefiltert auf den Bildschirm zu bekommen, um Gedankengänge und Konversationen anzustoßen. Meine eigene Blockade bei allem, was mit dem Thema Rassismus zu tun hat, zeigt (mir) wie belegt das Thema ist, und wie schwierig es ist auch nur im Kleinsten daran zu rütteln. Alles was und jeder der dabei hilft das Thema Rassismus, auch nur im kleinsten und im persönlichen Umfeld, in eine positive Richtung anzustoßen oder gar zu bewegen, ist ein Segen.

Danke dafür.

warum ich noch nicht erwachsen bin

Ich bin jetzt 22. Auch wenn ich das manchmal vergesse. Ab 21 lohnt es sich aus verschiedenen Gründen nicht mehr so darauf zu achten.

Vor kurzem hat mich jemand gefragt, ob ich mich erwachsen fühle. Ich hab‘ nur ganz kurz anüberlegt, bevor ich geantwortet habe, dass ich das nicht tue.

Obwohl ich vier Jahre darüber hinaus bin volljährig zu sein. Warum fühle ich mich nicht erwachsen? Warum bin ich nicht erwachsen?

Ich habe ein bisschen überlegt was ich denke was es bedeutet erwachsen zu sein, und die folgenden Dinge sind mir dabei eingefallen, die in meiner Vorstellung dazu führen, dass man im Erwachsenenleben angekommen ist.*:

  • Ein Lebensmodell ausgearbeitet haben und einen Lebensstil festgesetzt
  • Lebensgrundsätze erarbeitet haben
  • Wissen, wo ich hin will, absehen können was ich in 5, 10, 15 Jahren mache, und wo ich sein werde
  • Auf regelmäßiger Basis Alkohol trinken
  • Geld anlegen
  • Immobilienpläne erarbeiten
  • Grundlegende Verantwortung für den Lebensverlauf eines anderen Menschen übernehmen
  • Sich mit Dingen arrangieren

Ich habe das Gefühl dass ich nicht erwachsen bin, weil ich nicht absehen kann, wo mein Leben mich in den nächsten Jahren hinführen wird. Wann ich mit dm Studium fertig bin. Jetzt mache ich einen Bachelor in Psychologie und Soziologie, den ich in drei Jahren abgeschlossen haben werde (voraussichtlich), aber ich weiß nicht in welche Richtung ich meine Ausbildung danach erweitern werde, oder wo, und wie lange das dauern wird.

Obwohl ich nicht aus einer besonders wohlhabenden Familie komme, und auch keiner finanziell super stabilen, habe ich das große Glück, dass ich genug Geld zur Verfügung habe, hauptsächlich weil ich BAFöG bekomme. Ich verwende das Geld was ich habe, bzw. was mir zur Verfügung steht, und gebe es für Erfahrungen aus, und Gegenstände die mein Leben einfacher und angenehmer machen. Und für Bildung.

Mein Leben wird nicht angenehmer dadurch dass ich Alkohol trinke.

Ich habe Raum, Zeit, Geduld und Kraft Dinge (in vielen Fällen) für mich zu arrangieren, und nicht mich mit Dingen zu arrangieren.**

Ich gebe Geld für Miete aus, teilweise einen Recht großen Anteil dessen was mir zur Verfügung steht, um dort eine Wohnung zu haben wo ich eine brauche. Und zwischendurch gebe ich auch keine aus, wenn ich die Ferien bei meinen Eltern oder bei meinem Freund verbringe. Einerseits habe ich durch YouTube Videos gelernt dass es viel Sinn machen kann sich schon recht früh damit auseinanderzusetzen wie man sein Geld in (eine) Immobilie(n) investiert, und womöglich nicht erst mit Ende dreißg/Mitte Vierzig (Wie akkurat dieser Gedanke wohl ist? Wann beginnen Menschen im Durchschnitt, in eine eigene Immobilie zu investieren?). Ich denke aber, dass das für jetzt in Ordnung ist.

Ich wünsche mir, für Menschen denen ich begegne, einmalig oder wiederholt eine, sagen wir mal, eine positive Spur in ihrem Leben zu hinterlassen. Dass es ein bisschen schöner für Menschen ist, wenn ich da bin, als wenn ich nicht da bin. So oder so nehme ich mancher Menschen Leben mehr, und auf anderer (die Meisten) weniger Einfluss. Ob positiv oder negativ. Aber eine tiefgehende Verantwortung darüber wie das Leben verläuft, habe ich nur gegenüber mir selber. Jetzt gerade gibt es keinen Menschen auf dieser Welt, der sich vor mich hinstellen kann, und zu mir sagen: Du, du bist Schuld, dass mein Leben scheisse läuft/gelaufen ist! Außer mir selbst.*** Aber ich hab jetzt gerade nicht das Bedürfnis mich deswegen anzukacken. Glück gehabt. Deswegen habe ich jetzt gerade sehr viel Freiheit. Werde ich weniger Freiheit haben, wenn ich dann mal irgendwann mal erwachsen bin?

Ich frage mich wirklich wirklich was ich einmal denken/fühlen werde, wenn ich das hier in ein paar Jahren lese.

Und du? Was denkst du?

Fühlst du dich erwachsen? Wenn nicht, an was denkst du wenn du ans erwachsen sein denkst?

Oder bist dus? Und was denkst du dann, wenn du das hier liest?

*Allerdings bin ich nicht erwachsen, deswegen kann ich es ja nicht wissen.

**Ohne dabei andere zu einzuschränken oder zu verletzen.

*** Mir ist aufgefallen dass das nicht ganz stimmt. Die Beziehung zwischen mir und meinem Freund ist gewissermaßen so eng, dass diese Schwelle teilweise überschritten wird, emotional, unsere Leben sind miteinander verbunden, und wir haben unsere Lebensumstände mittelfristig voneinander abhängig gemacht haben. Und das fühlt sich gut an und funktioniert auch gut. Trotzdem, habe ich das Gefühl, dass Ich diejenige Person bin, die mein Leben gestalten.